Hilfe für Afrika - Opium oder Psychotherapie?

Hier wird über ein heißes Eisen diskutiert: Entwicklungshilfe für Afrika?

Hilfe für Afrika - Opium oder Psychotherapie?

Beitragvon webmaster am Mo Jun 15, 2009 12:55 pm

Es geht immer nur bergauf. Stundenlang. Oft nur im Schritttempo. Über große Fels stufen und loses Geröll. Manche der vielen Kehren sind so eng, dass wir den Wagen zurücksetzen müssen und das Fahrzeug schaukelt so heftig, dass sich der Bauer, den wir auf dieser Piste über fast 2000 Höhenmeter in sein entlegenes Bergdorf im Norden Äthiopiens mitnehmen, übergeben muss. Die einheimischen Fahrer schütteln nur den Kopf: „Nein, auf dieser Piste kann man nicht fahren!“ Das tut auch keiner außer uns. Aber Menschen leben dort. Die Strecke führt durch eine fantastische Berglandschaft, zahlreiche Wildbäche wässern die terrassierten Felder und die Menschen wohnen in aufgeräumten, oft schön bemalten Hütten. Sicher - reich in einem westlichen Sinne ist hier niemand. Aber die Menschen haben ihr Auskommen. Sie haben Wasser und einen fruchtbaren Boden und ein stabiles Dach über dem Kopf - mehr als Millionen Andere auf dem Kontinent. Aber sie wollen mehr. Und das wollen sie von uns. Wenn wir anhalten, drücken sie ihre Nasen an den Scheiben platt, trommeln auf das Blech, steigen auf die Stoßstangen oder gleich auf die Motorhaube, greifen durch die offenen Fenster in den Wagen kreischen ihr ohrenbetäubendes „Give me, give me“ und versuchen uns an der Weiterfahrt zu hindern. Wenn wir nicht anhalten fliegen Steine.

Yoannos ist Anfang 30. Er trägt einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd und ist Kellner im „Haile Myriam“, einem der besten Restaurants in Mekele, der Hauptstadt der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens. Jeden Abend ist der Laden voll. Neben dem gelegentlichen Touristen und einigen weißen Journalisten treffen sich hier vor allem Mitarbeiter der Hilfsorganisationen und die lokale Oberschicht. Zwei bis drei Euro kostet hier ein Abendessen, immerhin ein Zehntel eines durchschnittlichen Monatseinkommens in diesem Land. Das Essen ist vorzüglich und Yoannos macht seine Arbeit gut Nur als wir ihn dafür loben, vergisst er alles, was er gelernt hat und setzt sich unaufgefordert an unseren Tisch. Er klagt über die viele Arbeit und den geringen Lohn und stellt fest: „Die Deutschen sind gute Menschen!“ Neulich erst habe ihm einer 50 € Trinkgeld gegeben. Er schaut uns erwartungsvoll an, eine Spur zu lange für einen gut erzogenen jungen Mann.

Vor 22 Jahren ist Chuchu geboren. In einem kleinen Dorf in der Nähe von Konso im Süden Äthiopiens. Jetzt hat er englisch gelernt und sich ein T-Shirt gekauft und deshalb hat er Arbeit, wenn auch nicht jeden Tag. Wenn ein Tourist vorbeikommt darf er ihm die Gegend zeigen und bekommt dafür am Tag neun Euro, ein fürstliches Gehalt in dieser Gegend. Und er kann viel Interessantes erzählen von dieser anderen Welt, das erste aber was er sagt, ist: „Ich habe gehört, für einen Europäer ist es kein Problem, fünf Euro zu spenden. Im Monat. Für einen guten Zweck. Für meine Weiterbildung.“

Namentlich erwähnen wollen wir noch Airish. Airish ist 16 und wir treffen ihn in einer Bar in Turmi im Südwesten des Landes. Er sitzt da - und nicht draußen auf der Straße bei den anderen - und trinkt Bier. Das kann er sich leisten, denn er hat einen Sponsor. Peter, ein Deutscher, unterstützt ihn und zwei seiner Brüder und so muss er sich nicht mehr mit dem einheimischen Gebräu aus der alten Konservendose zufrieden geben, dass nur ein Zehntel kostet. Seine Zunge ist schon ziemlich schwer, als er uns auffordert, noch eine Runde auszugeben und als wir ablehnen, blickt er uns aus glasigen Augen ungläubig an.

Nach stundenlang könnten wir erzählen: Von dem Dicken mit dem offenen Hemd, der, als er uns erblickt, seine erbarmungswürdigste Leidensmiene aufsetzt und stammelt: „Ich bin hungrig, gibt mehr Geld!“, von dem gepflegten älteren Herrn im feinen Anzug, der uns den Weg zeigt und uns dann eine Liste für irgendein Jugendprojekt präsentiert und versichert er nehme auch Dollar und Euro, vom Manager des staatlichen Bekele Mola Hotels, der sich nicht an den vorher ausgemachten Preis halten will und uns stattdessen eine Lektion über die schlechte Wirtschaftslage in Äthiopien erteilt, von der Mutter, die ihr Baby, das noch an ihrer Brust saugt, bereits abgerichtet hat, vor dem Fremden fordernd die Hand aufzuhalten und natürlich vom ewigen „Father dead, mother dead“. Die Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen.

Die Bettelei ist eine Volkskrankheit

In Äthiopien ist die Bettelei ein Massenphänomen, eine Volkskrankheit, eine Seuche, und es vergeht kein Tag, an dem sich der Reisende nicht irgendeiner Forderung ausgesetzt sieht. Die Seuche hat Menschen jeden Alters und aller Schichten erfasst und angesteckt hat sich das Volk beim Staat: Meles Zenawi, der Premierminister Äthiopiens, dem vorgeworfen wird, das staatliche Fernsehen zu veranlassen, Bilder von früheren Hungersnöten als aktuelle Nachrichten zu verkaufen, und der just zu der Zeit einen grausamen und extrem kostspielige Krieg gegen das kleine Nachbarland Eritrea führt, wird im Jahre 2000 mit den Worten zitiert: „Europa braucht wohl erst wieder Skelette auf dem Bildschirm, um ein bisschen was zu spenden.“

Abhängigkeit und Eigeninitiative

Man muss keine Statistiken studieren, um vor Ort zu sehen, in welchem Maße das Land abhängig ist von Hilfe von außen. Fast nichts wird in Eigenregie erledigt: Beim Straßenbau stammt allenfalls der Hilfsarbeiter aus Äthiopien, die Brunnen werden immer noch von der GTZ gebohrt und selbst der Fischer fährt nicht einfach raus in seinem Boot, sondern ist Mitglied eines von europäischen Hilfsorganisationen aufgebauten „Fishing Project“.
„ Eigeninitiative wird staatlich unterbunden“, meint Mamo aus Jinka und Hass blitzt in den Augen des intelligenten, sonst so ruhigen 21jährigen als er fortfährt: „Wir leben in einer Diktatur. Und wer das laut sagt, wird eingelocht." Er weiß, wovon er spricht, war er doch zusammen mit hunderten Anderen während der letzten Parlamentswahlen einfach weggesperrt worden, weil er sich für die Opposition engagiert hatte. „Und ihr finanziert das auch noch!". Araya Abraha aus Bahir Dar will das so nicht stehen lassen: „Den ganzen Tag sitzen sie vor ihren Hütten, legen die Hände in den Schoß und warten auf ein Wunder“, schimpft er auf seine Landsleute, „die Männer sind am schlimmsten: Sie spielen mit ihren Eiern und schicken Frauen und Kinder zum Wasser holen!“ Der 32jährige ist hier im zentraläthiopischen Hochland aufgewachsen, lebt aber nun etwa die Hälfte des Jahres in Spanien. Er, seit einer Poliomyelitis im Kindesalter selbst schwer körperlich behindert, will in seiner Geburtsstadt ein Heim für Behinderte gründen und kämpft deshalb seit zwei Jahren mit den Behörden. „Da muss man eben durch“, meint er und wird nicht müde, den umstehenden Einheimischen den Ablauf eines europäischen Arbeitsalltags zu schildern: „Da wird wirklich gearbeitet, von früh bis spät. Und abends, wenn man erschöpft von der Arbeit nach Hause kommt, muss man noch seinen Haushalt erledigen. Von nichts kommt nichts!“

Warum ist Äthiopien so arm?

Es mag viele Ursachen geben für die Armut im Lande, dem permanenten Sozialfall Nummer eins in Afrika („Der Spiegel“). Die Kolonialmächte jedenfalls sind’s diesmal nicht gewesen (Äthiopien war, als einziges Land Afrikas übrigens, niemals kolonialisiert) und auch die Missionare aus Europa kann man nicht verantwortlich machen (in Äthiopien gab es bereits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine christliche Hochkultur, in einer Zeit, in der man in Mitteleuropa noch den Naturgöttern huldigte).

Wer könnte daran etwas ändern?

Ein ganz wesentlicher Grund für die Situation hier -und nicht nur in Äthiopien - ist aber ganz sicher die Tatsache, dass es niemanden gibt, der die Möglichkeit und gleichzeitig auch ein Interesse daran hätte, irgendwas an den Zuständen zu ändern.

Die Regierung?

Am wenigsten die Regierung, denn sie verdient kräftig an der Armut. 50 bis 150 Millionen US$ sollen es pro Jahr seien, die allein die parteieigene Spedition einfährt. Die Hilfsorganisationen sind per Gesetz dazu verpflichtet, Hilfsgüter mit den Transportfirmen der Regierungspartei transportieren zu lassen und die verlangt stark überhöhte Preise. Und so gilt: Je mehr Not desto besser das Geschäft. (Hinlänglich bekannt ist, dass jedes Jahr überall in Afrika Milliarden an Hilfsgeldern in den Taschen von Regierungsbeamten verschwinden.)

Die Helfer?

Aber auch den Helfern, scheint wenig daran zu liegen, sich selbst arbeitslos zu machen: „Ich bin mit einem Überschuss an Idealismus angetreten, doch nachdem ich mir in ein paar Jahren ein Einfamilienhaus zusammengespart hatte, war mein Verhältnis zu meinem Beruf nicht mehr dasselbe“, sagt Bernhard Meyer zu Biesen, Chef der deutschen Welthungerhilfe in Addis Abeba. Sicher wäre es falsch, allen Helfern ähnliche Beweggründe zu unterstellen. Karlheinz Böhm, Begründer und Chef der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen" zum Beispiel ist da ganz anders. Michael Bitala, damals Afrikakorrespondent der „Süddeutschen Zeitung" besucht ihn in Äthiopien. Er „kann Menschen mit einem Fingerzeig aus dem Elend befreien", schreibt er und weiter „er küsst den Jungen, legt ihm die Hand auf den Kopf und verkündet" die baldige Heilung des Krüppels. Dafür lieben ihn die Menschen, einer nennt ihn dankbar „Vater von Äthiopien“ und Böhm wird mit den Worten zitiert: „Können Sie sich jetzt vorstellen, welch ungemeine Freude mir die Arbeit macht". (Auch Böhm und sogar der Welthungerhilfe wird übrigens der ungeheuerliche Vorwurf gemacht, mit gefälschten Bildern auf Spendenfang zu gehen.) Mitunter hört man aber auch von politischen, oder wie zum Beispiel im Falle des christlichen Hilfswerks „World Vision“ von missionarischen Motiven und die westlichen Medien im allgemeinen werden bezichtigt, die Situation in den hilfsbedürftigen Ländern zu dramatisieren, um die Einschaltquoten zu erhöhen.

Die Geber?

Und auch die Geber gehen nicht leer aus. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die USA mit Mais und Weizen aus Überschüssen und mit Waffenlieferungen billig das Recht einkaufen, immer mehr Militärbasen auf afrikanischem Boden zu errichten. Gleichzeitig werden so Märkte geöffnet für amerikanische genmanipulierte Nahrungsmittel, die in Europa auf wenig Gegenliebe stoßen (dazu muss man wissen, das sich zum Beispiel genmanipulierter Mais nicht zur erneuten Aussaat eignet, so dass die Bauern, die solche Pflanzen anbauen, gezwungen sind, Jahr für Jahr neues Saatgut einzukaufen), der Bevölkerung in den Hilfsgebieten wird langfristig das Bild vom guten Onkel aus Amerika eingebrannt (die Behälter mit der Aufschrift USAid sind in Äthiopien allgegenwärtig und der einfache Mann, nach seinem Verhältnis zur Weltmacht USA befragt, verweist regelmäßig auf die „großzügige Hilfe“) und nicht zuletzt soll die schwarze Wählerschaft zuhause durch die Hilfe für Schwarze in Afrika auf die jeweilige Regierung eingeschworen werden. Aber auch die Europäer haben für ihre Hilfe sicher handfestere Motive als nur die Beruhigung ihres notorisch schlechten Gewissens: Immerhin wurden in Afrika riesige Ölfelder entdeckt und auch sonst ist der Kontinente reich an Bodenschätzen und bekanntlich hat nicht nur Amerika einen großen Hunger auf Rohstoffe.

Gründe genug nichts mehr zu spenden?

„Das ist doch alles Politik - uns geht’s doch um die Menschen!“, könnte man einwenden. Und immerhin - traurige Tatsache ist: Schwarzafrika geht es schlecht und es wird immer schlechter. Die Hälfte der Gesamtbevölkerung - mehr als 400 Millionen Menschen - haben weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung, die Hälfte mehr als noch vor 10 Jahren lebt unter der Armutsgrenze. Immerhin rund ein Siebtel der Weltbevölkerung lebt in Afrika und diese 880 Millionen Menschen schaffen gerade mal ein Hundertstel der Weltwirtschaftsleistung. Mehr als zwei Drittel aller afrikanischen Staaten rangieren am untersten Ende der Skala der Länder mit der geringsten Lebenserwartung.

Nur: Geld scheint nicht zu helfen

Hunderte von Milliarden Dollar wurden seit dem Ende der Kolonialzeit in den Kontinent gepumpt und trotzdem geht es den meisten Menschen heute schlechter als damals.

Trotzdem - oder gerade deswegen?

Lord Peter Bauer, damals Wirtschaftsprofessor in London, hat schon Anfang der 1980er Jahre die These aufgestellt, die in Entwicklungshilfe sei möglicherweise „teilweise eine Ursache des Nord-Süd-Konflikts und nicht seine Lösung" und behauptet, es spreche „vieles dafür, dass man Entwicklungshilfe weitgehend einstellen sollte". Und immer mehr, zunehmend auch afrikanische Experten schließen sich seiner Ansicht an, die Entwicklungshilfe belohne den Misserfolg und zementiere dadurch die Armut: „Hilfe ist nicht die Lösung" titelt die kenianische Zeitung "The Standard" und der britische Soziologe Graham Hancock kommt gar zu dem Schluss: „Entwicklungshilfe ist durch und durch schlecht und nicht reformierbar!".

Warum könnte es schlecht sein, armen Menschen zu helfen?

Die Gründe, die für die ablehnende Haltung gegenüber der Praxis der Gabe von Hilfsgütern angeführt werden, sind einleuchtend: Lebensmittel würden oft im Überfluss geliefert, kämen dann zu Dumpingpreisen auf den Markt und führten dazu, dass es sich für den kleinen Bauern nicht mehr lohne, überhaupt irgendetwas anzubauen. So werde dann auch der von einem produktiven Mitglied der Gesellschaft zu einem Almosenempfänger, lokal würden keine Nahrungsmittel mehr produziert und die nächste Hungersnot sei so vorprogrammiert. Ähnlich wie dem Landwirt ergehe es auch dem Schneider, der sich der Konkurrenz des Überangebots billiger Kleidungsstücke aus den Säcken der Altkleidersammlungen Europas und Amerikas ausgesetzt sehe. So würden Stück für Stück die letzten noch funktionierenden Strukturen zerschlagen und der Kontinent immer tiefer in die Abhängigkeit getrieben, aus der es keinen Ausweg gibt. Außerdem würden Vetternwirtschaft und Korruption gefördert und der Afrikaner zum Almosenempfänger degradiert.

Es klingt paradox: Hilfe zum Leben wird zur Sterbehilfe!

Jürgen Wolf, emeritierter Professor für Soziologie der Entwicklungsländer an der Universität Bochum, fasst zusammen: „Entwicklungshilfe hat Afrika nicht nur nicht geholfen – abgesehen von den winzigen, korrupten und ineffizienten Staatseliten –, sie hat eine verfehlte Politik finanziert und damit deren Beibehaltung ermöglicht“. Notwendige Reformen seien dadurch nicht eingeleitet, wirtschaftliche Energien gelähmt und so die Grundlage für immer mehr Abhängigkeit und damit immer mehr Elend geschaffen worden.

Opium oder Psychotherapie?

So fordert denn auch der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati in einem Gespräch mit dem „Spiegel" („Der Spiegel“ 27/2005): „Streicht diese Hilfe!“ und führt aus: „Die Entwicklungshilfe ist einer der Gründe für Afrikas Probleme. Wenn sie abgeschafft würde, bekäme das der kleine Mann gar nicht mit. Nur die Funktionäre wären schockiert". Aber „dem verheerenden europäischen Drang, Gutes zu tun, lässt sich bisweilen leider nicht mit Vernunft begegnen.". Die Welt solle „Afrika endlich die Chance geben, selbst für sein Überleben zu sorgen. Derzeit ist Afrika ein Kind, das immer gleich nach seinem Babysitter schreit, wenn etwas schief geht. Afrikas sollte auf eigenen Füßen stehen". Vier Jahrzehnte lang habe Afrika Hilfsgelder „wie ein Opiat" genommen und sich einlullen lassen. "Nun ist eine Psychotherapie dringend nötig!".
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Afrika ist voller krimineller Führer...

Beitragvon webmaster am Mo Jun 15, 2009 1:00 pm

Liebe Tanja, lieber Kim, hallo liebe Mitleser!

Ich stelle hier mal eine Kopie eines Artikels aus dem aktuellen Spiegel-Online ein. Ich denke, das ist sehr erhellend. Für mich persönlich nicht neu, aber immer wieder erwähnenswert ist, dass wir - die Bösen - nicht am Elend Afrikas schuld sind. Da können die Gutmenschen reden wie sie wollen. Afrika - von Südafrika bis Ägypten - ist voller krimineller Führer.


Liebe Grüße, Wolfgang

SPIEGEL ONLINE - 11. Juni 2007, 08:48 URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0 ... 46,00.html


Warum Afrika dank Entwicklungshilfe im Elend verharrt
Von Thilo Thielke, Nairobi

Der G-8-Gipfel bringt Afrika ein neues 60-Milliarden-Programm zur Krankheitsbekämpfung. Doch das Geld schadet mehr, als dass es hilft. Rocksänger und Politiker sollten sich lieber auf Musik und Ausschussarbeit konzentrieren, statt Afrika mit ihrer schrecklichen Philanthropie heimzusuchen.

Nairobi - Nach einem Gipfel wie diesem in Heiligendamm wird nachher viel darüber diskutiert, was er gebracht hat. Ob Afrika genug Geld versprochen worden ist, und ob die Zusagen vom letzten Treffen auch tatsächlich eingehalten wurden. Sind es 50 Milliarden oder 60? Wurde davon die Hälfte schon bezahlt oder ein Drittel. Ähnlich belangloses Zeug. Es trifft nicht den Kern, und darum wollen wir mit der Erbsenzählerei hier auch gar nicht erst beginnen.

Dass die Hilfe für Afrika erhöht, gerne auch verdoppelt werden müsse, um den Kontinent aus dem Schlamassel zu helfen, ist eine seit ungefähr 30 Jahren oft geäußerte These. Und tatsächlich stieg die Entwicklungshilfe ständig. Sagenhafte 2,3 Billionen Dollar, schätzt der Weltbankökonom William Easterly sind seit den sechziger Jahren geflossen, überwiegend nach Afrika. Gebracht hat das alles herzlich wenig. Sonst würden Jeffrey Sachs, Bono oder Heidemarie Wieczorek-Zeul nicht ständig noch mehr Geld verlangen.

Was eines der unzähligen Paradoxe darstellt: Obwohl die Hilfe ganz offensichtlich nicht viel eingebracht hat, soll sie permanent erhöht werden. Ob das Geld nun offiziell für Suppenküchen oder die Krankheitsbekämpfung gedacht ist, spielt keine Rolle. Der Hunger ist auf diese Art und Weise bisher so wenig beseitigt worden wie die Malaria, die man, nur so am Rande, andernorts sehr effektiv mit DDT bekämpft hat, was man bei den Afrikanern aber nicht so gerne sehen möchte.

Interessant ist die Frage, wie Afrika geholfen werden kann. Und da scheint es so zu sein, als habe niemand bisher einen passenden Weg gefunden. Botswana vielleicht, ein Land, das nur etwas mehr Einwohner zählt als die Hansestadt Hamburg. Oder Mauritius, eine Insel für Luxustourismus. Aber das zählt nicht. Wenn man beginnt, diese Ausnahmen zu lobenswerten und hoffnungsvollen Prototypen zu stilisieren, macht man sich selbst und die ja wirklich leidenden Afrikaner restlos lächerlich.

Denn der Rest des Kontinents verharrt. Und das auf erschreckendem Niveau.

Die meisten Kriege, die am schlimmsten wütenden Krankheiten, die wildwuchernde Korruption. Kaum eine Schreckenstabelle, in der es die Afrikaner nicht zu traurigen Rekorden bringen würden. Wo sagenhafte Bodenschatzreserven und günstiges Klima (Kongo, Nigeria, Sierra Leone) ein angenehmes Leben und Wohlstand für alle hätten bringen können, toben oder tobten verheerende Kriege und bereichern sich Kleptokraten auf geradezu unverschämte Weise. Ganz zu schweigen von Ländern wie Simbabwe, die einmal eine wahre Kornkammer gewesen sind, und wo jetzt starrsinnige Diktatoren alles in Grund und Boden wirtschaften.

Hilfe kann lethargisch machen

Dies alles, obwohl die Geldhähne des Westens stets weit geöffnet waren und manche Länder geradezu mit Entwicklungshilfe fluteten. Oder vielleicht gerade deswegen. Der Verdacht liegt nahe. Nahezu alle ehemaligen Drittweltländer, denen es heute besser geht, haben es ohne oder nur mit wenig fremder Hilfe geschafft (Singapur, China, Thailand). Die am meisten bekamen hingegen, denen geht es heute am schlechtesten.

Unlogisch ist das nicht. Hilfe kann lethargisch machen. Hilfe fließt in Systeme, die jetzt schon nicht funktionieren und dringend reformbedürftig sind. Von Hilfe profitieren hauptsächlich die Schurken, die jetzt schon für das größte Elend die Verantwortung tragen. Entwicklungshilfe sei die Umverteilung des Gelds der Armen aus den reichen Ländern an die Reichen aus dem armen Ländern, sagte der hungaro-britische Ökonom Lord Peter Bauer, und hatte recht.

Lang ist die Liste der Afrikaner, die deshalb fordern, den Unsinn zu beenden. Sie reicht vom nigerianischen Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, zum ugandischen Journalisten Andrew Mwenda oder dem kenianischen Wirtschaftsfachmann James Shikwati. Ihre These lautet im Kern: Ohne Hilfe müssten sich unsere Bonzen um andere Geldquellen bemühen. Sie müssten Handel betreiben und Steuern einnehmen. Sie müssten ihre Regimes reformieren, womöglich demokratisieren, weil Diktatur und Stamokap mit erfolgreicher Marktwirtschaft nicht vereinbar sind. Nirgendwo, nicht nur in Afrika.

Entwicklungshilfe, das ist die Erkenntnis, manifestiert nur die schlechten Zustände. Und diese Zustände wollen wir ja ändern, nicht wahr? Wir wollen den Menschen helfen. Und uns nicht in erster Linie produzieren. Das wäre schäbig. Also sollten sich die Schlagersänger und Politiker wieder auf ihr Kerngeschäft (Musik und Ausschüsse) konzentrieren und Afrika nicht länger mit ihrer schrecklichen Philanthropie heimsuchen. Sie bringt nicht nur nichts, sie ist sogar schädlich.

Aber wir dürfen Afrika doch nicht vergessen!, werden da all die Mitfühlenden klagen. Afrika vergessen? Haben wir das denn jemals getan? Der Mythos, Afrika sei ein vergessener Kontinent ist unausrottbar. Auch wenn die Phrase hohl ist, wie schon 1993 der Politikwissenschaftler Siegfried Kohlhammer ("Auf Kosten der Dritten Welt") eindrucksvoll belegt hat. Die Behauptung, schreibt Kohlhammer, "die Mehrzahl der Menschen in den Industrieländern verschlössen ihre Augen vor dem Elend der Dritten Welt, ist bestenfalls eine gedankenlose Floskel".

Wer erinnert sich nicht an die Bilder aus Biafra, Äthiopien oder Somalia? An Spendengalas, Live-Aid-Konzerte oder Bob Geldofs larmoyante Auftritte neben Polit- und Showgrößen? An die Lebensberichte von Kindersoldaten (Sierra Leone) und möglichen Kindersoldatinnen (Eritrea)? An das Elend der weißen Massai, die es nicht nur monate- oder jahrelang in die Bestsellerlisten geschafft hat, und deren Schicksal als Film mittlerweile auch die Kinocharts stürmte? Wer hat nicht alles Blood Diamonds gesehen oder unsägliche ZDF-Schnulzen mit Iris Berben? Tierdramen. Daktari. Madonna in Malawi und George Clooney in Darfur und Katja Riemann im Kongo. Und immer wieder Henning Mankell und immer wieder Karlheinz Böhm.

Nutzlose Schmierenkomödie

Die Liste ist nicht lang, sie ist endlos. Es existiert längst ein nur schwer zu ertragender Elendstourismus hinein ins Herz der Finsternis. Afrikaner halten die damit einhergehende Attitude für ziemlich kolonialistisch. Aber das ist ein ästhetisches Problem.

Das wahre Problem ist: Diese ganze Schmierenkomödie ist völlig nutzlos. Sie nährt sich aus einem vagen Schuldgefühl gegenüber der Dritten Welt. Die absurde Grundannahme dafür ist: Uns geht es gut, weil es euch schlecht geht. Dabei ist das der pure Nonsens. Der Ersten Welt geht es gut, weil sie eine freie Marktwirtschaft betreibt, deren politische Grundlage eine funktionierende Demokratie bildet. Ausnahmen bestätigen allenfalls die Regel, und auch China wird erst beweisen müssen, ob sein Sonderweg langfristig funktioniert.

Die afrikanischen Länder sind die korruptesten und undemokratischsten Länder der Erde. Einträgliche Geschäfte, wie Bergbau oder Telefongesellschaften, sind verstaatlicht, Grund und Boden nur selten privatisiert. Darum sind die Afrikaner arm. Und die Entwicklungshilfe hilft, dass das so bleibt. Sie ist im Kern eine Planwirtschaft, wenn auch eine chaotische. Das ist tragisch für Afrika, aber lohnenswert für die Entwicklungshilfe. Ihre Geschäftsgrundlage bleibt so nämlich erhalten: das Elend in Afrika.
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Re: Hilfe für Afrika - Opium oder Psychotherapie?

Beitragvon webmaster am Di Jun 16, 2009 2:28 pm

Diese These vom Schaden der Entwicklungshilfe macht schon nachdenklich.
Tanja kennt mich von der FC, ich bin die "mit Mali", habe einen Ehemann
aus Mali und reise mind. alle 2 Jahre dorthin. Wir unterstützen
natürlich seine Familie, die sehr gross ist wie überall in Afrika, dann hab
ich noch ein Patenkind in Tigray (Aethiopien). Ich glaube fest daran,
dass diese kleine Hilfe etwas (kleines) bringt, die Mio.-Hilfe von Staat
zu Staat - das ist ein heisses Eisen. Vieles verschwindet in
undurchsichtigen Kanälen. Es ist schwierig zu verstehen, warum es in Afrika nicht
besser wird! Hängt es wirklich von der Korruption der Regierungen ab?
Ich bin noch zu keiner Lösung gekommen. Natürlich sollte Afrika auf
eigenen Füssen stehen. Aber auch - darf man bei Hungersnöten wegsehen? Ich
könnte es jedenfalls nicht. Ich bin nicht besonders religiös, aber ein
wenig. Steht nicht in der Bibel, "was Ihr einem Geringsten habt getan,
das habt ihr MIR getan"? Mit diesem Satz im Hinterkopf sehe ich
die Allerärmsten an.

mit lieben Grüssen Eva
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Re: Hilfe für Afrika - Opium oder Psychotherapie?

Beitragvon webmaster am Di Jun 16, 2009 2:29 pm

War gerade fuer fast ne Stunde in eure Webseite vertieft und bin um so tiefer beeindruckt von euren Berichten und Fotos! Der kritische Artikel ueber die Spenden fuer das "arme" Afrika hat mir sehr gut gefallen! Wir haben seit unserer Afrikadurchquerung auch ein anderes Bild von "Helfen" bekommen. Allerdings hab ich mir noch nie die Muehe gemacht zu recherchieren,nachzufragen, interviewen..u.s.w. wie ihr das getan habt.Hut Ab!!!'
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Re: Hilfe für Afrika - Opium oder Psychotherapie?

Beitragvon webmaster am Di Jun 16, 2009 2:30 pm

hey, ich finde euren exkurs hilfe fuer afrika hammermaessig. genau so haben wir afrika in den letzten eineinhalb jahren erlebt und uns die selben gedanken gemacht. allerdings habe ich es bis jetzt nie geschafft, diese auch zusammenhaengend auf papier bzw. notebook zu bringen - und schon gar nicht zu untermauern mit verweisen!
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